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Kirchenburg Tartlau - Weltkulturerbe der Menschheit (UNESCO)
Tartlau

Über die Tatlauer Mundart

»Tuerteln meng, am Burzelond« – »Deutsches Wort und deutscher Sang, haben einen guten Klang«.

Tartlauer Burg - Grafik, Quelle: Juliane Fabritius Dancu

Wenn ich nach der besonderen Lautung der Tartlauer Mundart und nach einem Beispiel gefragt werde, so antworte ich zumeist mit dem Satz: »An Tuerteln as an ejeder Guaß iverual kualt Wuasser am Brannekuasten« (in Tartlau ist in jeder Gasse überall kaltes Wasser im Brunnenkasten). Für den Zuhörer wirkt diese gutturale Lautung wie von innen überquellend ausgesprochen. Daher ist es die Erfahrung meines Lebens, daft ich mich in der Tartlauer Mundart nur mit einem Tartlauer, allerhöchstens noch mit einem Honigberger, unterhalten kann. In ganz Siebenbürgen wurde sie nur dort so gesprochen und sonst nirgends - ein Kuriosum für Sprachforscher und ein Wagnis ihrer Deutung. Über den Ursprung weiß man nichts genaues, und das gilt ja allgemein für ganz Siebenburgen.

Da es jedoch zweifellos eine deutsche Mundart ist, wurde versucht, anhand von spezifisch Tartlauer Wörtern die Abstammung aus dem Mutterland herauszufinden. Dazu diene die folgende Aufstellung:

Auf diesem Gebiet hat sich Luxemburg zu einer einheitlichen Mundart - Schriftsprache - einigen konnen, sie ist für Siebenbürger Sachsen gut lesbar und verständlich, bis auf einige »Franzusismen«. Es ist daher kein Wunder, daß ein Großteil unserer Landsleute, nach einem Besuch in Luxemburg dort auf dem Marktplatz den Spruch lesen: »Mir wolle bleiwe wat mir sin«, und dann der Meinung verfallen, dieses Gebiet sei unsere Urheimat. Das kann so nicht stimmen, aber wenn seinerzeit Konig Sigismund von Luxemburg (1433 zum Kaiser gekrönt) in Siebenbürgen residierte, so hatte er sicher seine Hofbeamten mitgebracht, sodaß die Luxemburger Mundart als seine Amtssprache mit Sicherheit in Siebenbürgen Spuren hinterlassen hat. Das aber konnte der harten Tartlauer Lautung wenig anhaben.

Man denke sich besser in die Zeit der Auswanderung aus dem Mutterland zurück. Keineswegs wurden ganze Ortschaften damals entvölkert, sondern es schlossen sich immer nur ganz vereinzelt die Auswanderungswilligen dem Zug nach Osten, bzw. Südosten an. Daher gibt es darüber auch keine Urkunden. Bekannt ist nur der Weg der ungarischen Werber langs der Donau zum Rhein und an die Mosel bis nach Flandern, wodurch die Einzugsgebiete der Aussiedler in etwa angenommen werden durfen. Zu damaliger Notzeit war das eine erwünschte Entlastung, und dennoch ließ man die Leute nicht ins Ungewisse ziehen. Ihre Weiterleitung war eine gut organisierte Angelegenheit. Die Auswanderungswilligen wurden in der Gegend um Magdeburg, der »Goldenen Aue«, in Auffanglagern für ihr künftiges Leben gut vorbereitet, und jeweils zu einer Treckstärke aus Sicherheitsgründen zusammengestellt - ungeachtet ihrer Herkunft aus den verschiedensten deutschen Gauen - und so kommt es, daß sich die ursprungliche Mundart der jeweils stärkeren Gruppe am neuen Ort dann zumeist durchgesetzt hat, wenn auch sehr untermischt.

Die oft sehr unterschiedlich ausgepragte Mundart in den Landgemeinden im Burzenland gibt den Anlaß, in der hiesigen mundartlichen Landschaft einmal genauer hinzuhören. So kann man in der Zeidner Mundart getrost eine Thüringer Herkunft heraushören. Petersberg erinnert an den Zungenschlag der Sachsen, Neustadt der Lippenbewegung nach an Hessen, und das »x« der Bartholomäer, selbst an unpassender Stelle vorkommend, an den Ostseeraum. Helsdorf würde ich aufgrund vieler Wortformen nach Niedersachsen einordnen.

Der andere Weg einzelne typisch Tartlauer Worter auf ihre Herkunft zu untersuchen, ergab eine weiträumige Streuung, um sie damit näher zu lokalisieren. Die harte Aussprache mußte aus einem rauhen Bergland stammen, etwa Westerwald oder noch eher von der Schwabischen Alb mit ihren abgelegenen Tälern, wo das Wasser reichlich aus dem Berg sprudelt.

Eine geschichtliche Tatsache ist dabei nicht unerheblich, daß Tartlau ja vom Deutschen Ritterorden (1211–1225) gegründet wurde und dessen Stammland das süddeutsche Stauferland war (nach seiner Gründung 1190 in Palastina). Der grosse Stauferkaiser Friedrich II. und dessen Ordensmeister Hermann von Salza begannen mit der großen Aufgabe der Kolonisierung und Städtegrundung im Osten. In dessen Gefolge sind auch Neusiedler mitgezogen, vermutlich aus Süddeutschland. Dafur spricht die im Burzenland übliche alemannische Lautumwandlung »w = b«, oder »v, w = p, b«. Am deutlichsten kommt das in dem Wort »Schwalben« als Beispiel zum Ausdruck, im Burzenland heißt es also »Schpalwen«. Diese Lautumwandlung ist dort auffallend; in Baden-Wurttemberg ist sie heute noch gebräuchlich, und hier siedelten die Alemannen noch vor unserer Zeitrechnung, und ihr Stammland war die Gegend um Magdeburg, wo diese Lautumwandlung ebenfalls noch wahrgenommen werden kann.

Um die siebenbürgischen Mundarten haben sich schon viele Sprachforscher bemüht, eine glaubhafte Deutung zu finden, mit dem Ergebnis, daß immer nur eine Mischung aus allen deutschen Gauen festzustellen ist. Bei den deutschen Mundarten gibt es im Nord-Sud-Gefalle eine markante Trennungslinie etwa in der Mitte des Landes, in der Maingegend. Nördlich davon sagt man »dat Water«, und südlich davon heißt es »das Wasser«. In Tartlau, als eine Mischung von beidem, sagt man »det Wuasser« (det Wosser, oder wie auch immer), jedenfalls sowohl als auch, einmal mit »t« und mit »s«.

Die Geschichte Siebenbürgens mit den andauernden Bedrohungen brachte besonders den Bewohnern der Gemeinde Tartlau ein hartes Dasein – und nach allen Zerstörungen einen unermüdlichen Aufbauwillen – und das hat die harte Aussprache ihrer Mundart sicher auch mitgeprägt. Hier in der Urheimat wird sie sicher mit der Erlebnisgeneration verlöschen – doch die Identität der Tartlauer mit der bewahrten Uberlebensstrategie und dem ausgeprägten Aufbauwillen, müßte aus einem Untergang einen Übergang in neue Aufgaben und Perspektiven bewerkstelligen können.

Autor: Otte Depner (Gerlingen)Erstellungsdatum: 30. Juni. 2008